Close the gap (2009)


Print auf Mesh (Netzplane), 620 x 1100 cm

Ausstellung Abfahrt 29:01-Ankunft 15:02, Brühlstrasse 60 (Leipzig, D), Januar 2009




Leipzig verfügt noch heute über einen beträchtlichen Teil der Vorkriegsbebauung, die während der Gründerzeit, um die Jahrhundertwende sowie in der Weimarer Republik entstand. Diese kompakten Altbauviertel wurden zu DDR-Zeiten vernachlässigt und verfielen. Stattdessen wurde zwischen 1960 und 1980 auf Großsiedlungen und Plattebauten gesetzt, die etwa 40 Prozent der nach 1945 in Leipzig entstandenen Wohnungen ausmachen. Ein Großteil der Altbausubstanz wurde nach der Wende saniert. Direkte und indirekte staatliche Fördermodelle wie Investitionszulagen und Sonderabschreibungen trieben diesen Sanierungsprozess dabei wesentlich voran. Aufgrund ihrer höheren baulichen und architektonischen Qualität und der oftmals besseren Lage werden heute die sanierten Altbaustandorte den nunmehr ebenfalls größtenteils sanierten Großwohnsiedlungen vorgezogen. Dies wiederum führt zu einer beginnenden Verödung der Neubauviertel in Plattenbauweise.

Angeregt vom geschichtlichen Hintergrund des Städtebaus von Leipzig hat sich Nicolas Vionnet in den sanierten Altbau-Vierteln im Zentrum von Leipzig umgesehen. Auch im belebten Zentrum der Stadt, welches eigentlich sehr dicht und kompakt bebaut ist, entdeckt man dabei immer wieder Lücken und ungenutzte Zwischenräume, welche keine klare Funktion oder Aufgabe erfüllen.


Vionnets Beitrag zur Ausstellung schliesst eine dieser vorhandenen Lücken mit einem Großformatdruck. Das Druck-Motiv zeigt dabei ein Fragment einer Plattenbau-Fassade. Dieser visuelle Eingriff schließt einerseits eine bestehende Baulücke in einem Altbauquartier mit moderner Plattenbau-Architektur, hat somit eine klare und einfache Kontrastwirkung. Andererseits spielt der Eingriff bewusst mit dem geschichtlichen Hintergrund und der zunehmenden Verlagerung der Bevölkerung von den Großwohnsiedlungen in die Altbauquartiere.


Diese Arbeit wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von:

Allesbanner.de, Baywobau Leipzig, Nikolaipalais am Brühl, Ingenieurbüro M. Zügner, Forssbohm & Söhne



  


  

Kunst im öffentlichen Raum 2007 - 2010

Installationsansichten I Exhibition views

Sechs Gründe ins Wasser zu springen (2009)


Weisser Bootslack auf 3-Schicht-Holz (Fichte), 100 x 1100 cm

Ausstellung VierARTstättersee, 2. Skulpturenausstellung Vitznau (Luzern, CH), August 2009




Inmitten einer Badezone in Vitznau schwimmen sechs lackierte, streng positionierte Holzplatten. Wie eine „digitale“ Zeichnung nimmt diese Installation vorhandene Elemente auf und greift in die Landschaft ein.


Mit der Serie „Function Follows Form“ untersucht Nicolas Vionnet die Grenzen zwischen Kunst und Betrachter. Was ist Kunst, was Design, was nur Gebrauchsgegenstand? Wie kann eine einfache, stark reduzierte Form, ohne klar erkennbare Aufgabe, im öffentlichen Raum dennoch eine Funktion entwickeln? Wo liegen die Grenzen zwischen Rezeptions- und Erfahrungsraum beim Betrachter und wie können diese vom Künstler beeinflusst werden?

Baumstrunk (2009)


Eisen, Stahl, Drahtgeflecht, Gips, Lackfarbe, 110 x 60 x 60 cm

Ausstellung Entdeckungsraum, Theaterplatz (Weimar, D), Juli 2009




Der Theaterplatz mit Nationaltheater, Goethe-Schiller-Denkmal, Bauhaus-Museum und Wittumspalais ist das kulturelle Herz der Stadt Weimar. Wenn man ein Wahrzeichen benennen wollte für Weimar, dann das: Seit 1857 stehen Goethe und Schiller, erschaffen von Ernst Rietschel, auf dem Theaterplatz. Das Denkmal wird jährlich von tausenden Besuchern betrachtet und bestaunt, was jedoch wahrscheinlich den wenigsten auffällt ist der kleine, in der Mitte platzierte Baumstrunk hinter dem Dichterpaar. Der Baumstumpf wird in der Vorderansicht größtenteils von Goethes linkem Bein verdeckt. Von der Rückseite ist dieser jedoch klar sichtbar, und durch die Rinde sowie zwei frisch gesprossene Triebe deutlich als Eiche gekennzeichnet. Die „deutsche“ Eiche, galt im 19. Jahrhundert als nationales Symbol, welche die beiden Heroen als Dichter des deutschen Volkes anspricht. Im Weiteren hat der Baumstrunk eine klare statische Funktion und dient als Stütze für die beiden Dichter. Betrachtet man das Denkmal von hinten, so sieht man deutlich wie der Baumstrunk mit den Gewändern von Goethe und Schiller verbunden ist.


Durch das Nachbilden und gleichzeitige Isolieren dieses Elementes aus dem ursprünglichen Kontext, schafft es Vionnet einer bestehenden, unscheinbaren Komponente mehr Bedeutung zu geben. Grundlegende Idee dahinter ist also das bewusste Akzentuieren und Hervorheben von etwas vorhandenem, das so stärker ins Bewusstsein der Passanten gerückt werden soll. Vionnet verändert mit diesem Eingriff jedoch auch den Wahrnehmungsraum der Touristen und Besucher. Was sonst weit oben, unerreichbar auf einem Sockel steht, ist plötzlich greifbar Nahe und somit erfahrbar. Mit dieser Strategie baut Vionnet nicht nur Grenzen zwischen Kunst und Betrachter ab, er erforscht gleichzeitig auch die Frage der Funktion von Kunst im öffentlichen Raum.

Rasen betreten verboten (2008)


Graues Recyclingpapier, Bindfaden, Kleister, Aluminiumschild, 300 x 750 cm

Die Bundesbeauftrage für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehem. DDR (Erfurt, D)

Januar 2008




Die schriftlichen Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, kurz Stasi-Unterlagen, lassen sich in Karteien und Akten aufteilen. In den letzten Monaten der DDR zerstörten Mitarbeiter der Staatssicherheit große Teile dieser Unterlagen. So sind bis heute viele hunderte Säcke mit stark zerschnipselten, geschredderten Materialien erhalten, die wieder rekonstruiert werden müssen. Bis August 2006 konnte der Inhalt von mehr als 320 Säcken der insgesamt etwa 16.000 Säcke manuell bearbeitet werden. Im Jahr 2007 begann zusätzlich ein Projekt zur Computer gestützten Rekonstruktion.


Diese nach wie vor aktuelle, sowie brisante, politische Situation nutzte Nicolas Vionnet und befasste sich intensiv mit dem Vorgang der Rekonstruktion. Die Materialität von geschreddertem Papier sowie die formale Präsenz dieses Werkstoffes standen dabei im Vordergrund. Vionnets gezeigte „Papierwiese“ greift aber auch das Thema der Erinnerung und des Vergessens auf – „Es ist schon über so viele Dinge Gras gewachsen dass man eigentlich keiner Wiese mehr trauen kann“. Die Installation „Rasen betreten verboten“ war vom 25.01. bis 28.1.2008 vor dem BStU Hauptgebäude in Erfurt zu sehen.

Island - Catch me if you can (2008)


Holzprofile, Styropor, Gewebeplane, Rollrasen, 800 x 800 cm

Ausstellung Wanderlust, Weimarhallenpark (Weimar, D), Juli 2008




Nicolas Vionnet befasste sich in diesem Projekt mit dem Weimarhallenpark und realisierte eine Intervention im in der Mitte gelegenen Teich des Parks. Fasziniert von der Gliederung und Strenge der angelegten Parkanlage hat sich der Künstler mit dem geschichtlichen Hintergrund der Grünanlage auseinandergesetzt. 


Um die bereits vorhandene Künstlichkeit und Symmetrie noch stärker hervorzuheben und den verlorenen, landschaftlichen Zustand zurück zu gewinnen, entschied sich Vionnet in der Mitte des Teiches eine schwimmende Rasenfläche anzulegen. Die künstliche, quadratische „Insel“ wurde in Form eines Floßes realisiert und war mit einem echten, organischen Rasen bedeckt. Dieses Floss war am Teichboden fixiert, hatte jedoch einen leichten Bewegungsspielraum. Genau diese Beweglichkeit des Objektes sowie die Nähe zum Ufer ladeten den Betrachter zum Verweilen ein und imponierten gleichzeitig durch die Illusion von Erreichbarkeit.

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Dead Birds (2010)


Taubenpräparate, Kunstrasen, getrocknetes Gras, Audio (Taubengeräusche), Holzelemente, Vogelwarnkleber, Masse divers. Ausstellung Mobilmachen, Ein Zeughaus wird zum aktiven Kunstraum (Gelterkinden, CH), 2010




Im Erdgeschoss des Zeughauses begegnet dem Besucher der Ausstellung eine grosse, rechteckige Rasenfläche. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass diese prägnante und formale Intervention im Raum an einzelnen Stellen durch herumliegende Objekte gestört wird. Was vorerst schattenhaft und unkenntlich ist, gewinnt durch das Betreten der Fläche an Klarheit: Auf dem Rasenstück liegen einzelne tote Tauben.


Mit dieser vorderhand dubiosen und unangenehmen Erfahrung bleibt der Besucher zuerst allein. Einen Stock höher an genau der gleichen Stelle setzt sich die zweiteilige Installation fort: Zerschnittene Warnvögel zieren ornamentartig eine Fensterscheibe. Links und rechts, gekennzeichnet von Vogelkot, wird der Besucher durch zwei käfigartige Wandelemente geführt. Der Einblick bleibt verwehrt, die immer wiederkehrenden Taubengeräusche schaffen allerdings Gewissheit: weggesperrte Vögel.


Neben vielen narrativen Impulsen, die den Besucher in seine eigenen Geschichten eintauchen lässt, arbeitet die Installation formal und inhaltlich mit der Symbolsprache des Vogels respektive der Taube. Seit Jahrhunderten gilt die Taube als Friedenssymbol und ist vielschichtig mit dem Militär verbunden: Brieftauben wurden im Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs eingesetzt und waren seit 1917 auch in der Schweizer Armee als Dienstzweig der Fernmeldetruppen präsent.

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Silence (2011)


Audio (Windspielgeräusche), Abflussrohre, Stahlseile, 200 x 110 x 110 cm

Ausstellung Nicolas Vionnet - Silence, WIDMER+THEODORIDIS contemporary (Zürich, CH), 2011




Für die Installation ‘Silence’ hat sich Vionnet auf die Urfunktion des Ehegrabens besonnen. Dieser Gebäudeteil führte damals das Abwasser und den Abfall der umliegenden Häuser der Limmat zu. Im Zuge des hygienischen Fortschritts wurde dann dieses Schwemmsystem zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Kanalisation abgelöst. Für die Bevölkerung bedeutete dies eine starke Verbesserung der Lebensqualität. Vorbei war es mit den geruchlichen Belästigungen durch die morgendlichen Entleerungen der Jauchegruben oder durch stinkende Morastsammler. Seitdem fliesst das Abwasser leise und unsichtbar durch unsere Städte. Kein Lärm, kein Geruch.


‘Silence’ macht sicht- und hörbar was nun unter der Erde vergraben ist. Spielerisch und doch irritierend, seiner eigenen Tradition folgend, führt uns Vionnet vor Augen was der Ehegraben einmal war. An feinen Drähten baumeln jetzt die Abflussrohre einem Windspiel gleich im Ehegraben. Nur ihre massive Grösse im engen Ehegraben lässt erahnen, welche Menge an Abfall sich damals in diesen Gräben gesammelt haben muss.

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Aus den Augen, aus dem Sinn (Es ist schon über so viele Dinge Gras gewachsen, dass man eigentlich keiner Wiese mehr trauen kann) (2011)


Audio (Geräusche von Schritten und Aktenvernichtern), geschreddertes Papier, 350 x 360 x 80 cm

Ausstellung Begehungen No.8, Kunst- und Kulturfestival (Chemnitz, D), 2011




Die Ausstellung BEGEHUNGEN widmete sich dem Thema der Verantwortung. Unter dem Titel: "Sie verlassen den Verantwortungsbereich" präsentierten 53 internationale Künstler grösstenteils installative Arbeiten. Die Ausstellung fand in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Kaßberg statt. Zentrumsnah standen in dem leergezogenen Gefängnis über 4000 m² für die Präsentation der Arbeiten zur Verfügung. Zellen (ca.8 m²), Gefängnisgänge, ehemalige Verwaltungsräume (25-30 m²) und der Gefängnisinnenhof dienten dabei als Ausstellungsfläche. 


Im Rahmen der Ausstellung hat Vionnet die Installation „Rasen betreten verboten“ (2008) unter dem Titel "Aus den Augen, aus dem Sinn" mit dem Hintergrund des ehemaligen Stasi-Gefängnisses neu realisiert. Den Besuchern begegnete ein ehemaliger Überwachungsraum, randhoch gefüllt mit geschreddertem, blankem Papier.


Begleitet wurde dieser geländeartige "Papierberg" durch verborgene Geräusche von Schritten und Aktenvernichtern. Narrative Impulse liessen den Besucher in seine eigenen Geschichten eintauchen - die Geschichten der letzten Wochen des Stasi-Knasts Kassberg.

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